Heimreiten auf dem Einhorn

Die vielen Rätsel in den Fürstenzimmern der Festung Hohensalzburg werden nach und nach entschlüsselt.

Hedwig Kainberger Salzburg. Die Dame der Jagdgesellschaft reitet auf dem Einhorn heim. So ist es in den Prunkräumen der Festung abgebildet, wie sie Salzburgs Erzbischof Leonhard von Keutschach hat ausstatten lassen. Das heißt allerdings nicht, dass der macht- und prachtbewusste Regent tatsächlich Damen auf Jagden mitgenommen hätte! Denn die Darstellungen in seinen Gemächern sollten nicht den Alltag für die Nachwelt festhalten. Was sonst sollten sie einem Betrachter mitteilen?

Die Frau auf dem Einhorn und sogar eine ganze Jagdgesellschaft – heimkehrende Jäger, Falkner, Hunde, ein geschossener Hase und gar ein fliehender Hirsch – sind seit rund 500 Jahren im Hohen Stock, dem uralten Kern der Festung, zu sehen. Als Leonhard von Keutschach 1495 hier seine Wohnung bezogen hatte, ließ er unter anderem mit den raffinierten Schnitzereien seine Prunkräume zieren. Diese enthalten kunsthistorische Sensationen. Doch bisher ist das nirgends dokumentiert, nirgends ausführlich beschrieben worden.

Erst jetzt wird es nach und nach entschlüsselt, da die Renovierung der Fürstenzimmer ansteht. Um dies vorzubereiten, hätten Experten in den vorigen Monaten Details analysiert und Bedeutungen erforscht, erläutert Festungsverwalter Bernhard Heil. Zwar ist noch immer vieles rätselhaft. Doch je mehr man versteht, desto mehr verblüffen Inhalt und Pracht.

„Wir staunen bis heute über die detailgetreue Arbeit“, berichtet die Kunsthistorikerin Ingrid Rathner von der mit der Bestandsanalyse betrauten Firma Baukunst consult. „In ganz Europa ist kein vergleichbares Objekt mit einer annähernd ebenbürtigen Ausstattung aus dem 15. Jahrhundert und noch dazu in dieser Gesamtheit aufzufinden.“ Die hochwertigsten und kostbarsten Materialien der damaligen Zeit seien in den Fürstenzimmern der Festung verarbeitet worden.

Den jüngsten Coup der Enthüllungen hat Clemens Standl, Geschäftsführer von Baukunst consult, gelandet. In einem Restaurierbericht im Landeskonservatoriat für Oberösterreich entdeckte er einen Hinweis auf die Salzburger Festung. Restauriert worden waren Ledertapeten in einem oberösterreichischen Schloss, und die dortigen Eigentümer berichteten von Erzählungen in ihrer Familie, dass diese Tapeten aus Salzburg stammten.

Die Familie gewährte großzügigerweise Zutritt und erlaubte Analysen. Und siehe da! Die Maße der dortigen Ledertapete passten exakt auf die zirbenhölzernen Wandflächen in der Goldenen Stube im Hohen Stock. Auch seien auf der Festung Mitte des 19. Jahrhunderts Tapetenreste gefunden worden, schildert Clemens Standl. Und der erste Restaurator der Fürstenzimmer, Georg Pezold, habe um 1850 die alten Muster auf Papiertapeten rekonstruiert (diese wurden Mitte des 20. Jahrhunderts abgetragen).

Auch wenn es Indizien gebe, dass die Ledertapete nach den napoleonischen Wirren aus Salzburg weggekommen sei, so fehlten Dokumente oder sonstige Beweise für ihre Herkunft, sagt Clemens Standl. Doch hat er weitere Zusammenhänge entdeckt: In der kleinen Privatbibliothek des Keutschachers auf der Festung – vergleichbar mit dem Studiolo von Federico da Montefeltro in Urbino – seien unter den gemalten figuralen Szenen auch „malerische Imitationen von textilen Elementen“, erklärt Standl. Auch diese passten zu den Tapeten in Oberösterreich. Noch etwas deutet darauf hin, dass sie von der Festung stammen könnten: Auf einer zeitgleich mit den Fürstenzimmern entstandenen Tafel des Meisters von Großgmain im Altarraum der dortigen Kirche ist im Hintergrund von Maria beim Pfingstfest eine in Ornamenten und Farben ähnliche Ledertapete. Noch plausibler wird es, wenn Clemens Standl den Namen des vermutlichen Auftraggebers des Großgmainer Altars verrät: Leonhard von Keutschach.

Allein diese Tapete verrät etwas von Pracht und Macht des damaligen Salzburger Erzbischofs. Es sei eine der ältesten und kostbarsten, vermutlich in Italien hergestellten Ledertapeten nördlich der Alpen, erläutert Ingrid Rathner. Wo gibt es Vergleichbares? „Im Dogenpalast“, sagt die Kunsthistorikerin.

Ähnlich bedeutend sind Ingrid Rathner zufolge die Schnitzereien neben oder über den für die Ledertapeten vorgesehenen Feldern. Sie zeigen etwa Jagdszenen, weil einst die Jagd dem Mächtigsten im Land vorbehalten war. Ein um 1500 hier Eintretender brauchte also keine Beschreibung: „Hier ist das Fürstenzimmer.“ Zu sehen ist auch Christliches – wie Adler, Löwe und Stier als Symbole der Evangelisten (das Menschenbild für Matthäus ist verloren), ein sich die Brust aufreißender Pelikan sowie ein Jesuskind mit Marterwerkzeugen. Damit ist klar: Hier residiert ein geistlicher Landesherr. Und viele Fabeltiere tummeln sich in der Goldenen Stube – Drachen, bunte Vögel wie Einhorn. Alles sei „sehr reich und fantasievoll gestaltet“, sagt Ingrid Rathner.

Ledertapeten und Schnitzwerk zeugen ebenso für das einzigartige Kulturerbe wie das Blau der Wände oder die im Salzburg Museum verwahrten, mit der saftig-weißen Rübe des Keutschachers bemalten Butzenscheiben. Und Ingrid Rathner ergänzt: Auch diese gesamte Anlage eines spätgotischen Stubenappartements und dieser mit sakralen Elementen gestaltete Profanbau sei „nirgendwo sonst erhalten“.